Beratung und Teilhabe

Wohnungslosenhilfe

„Alles ist komplexer geworden“

Annette FrerickSeit 25 Jahren leitet Annette Frerick die Tagesstätte und Beratungsstelle für Wohnungslose des Caritasverbandes.Antonia Gemein

"Das Thema Wohnungslosigkeit haben wir gesellschaftlich betrachtet eigentlich aus den Augen verloren. Es herrschen andere Themen vor", fasst Annette Frerick nachdenklich zusammen. Seit 25 Jahren begleitet sie Klienten, für die dieses Thema aber eine entscheidende Rolle in ihrem Alltag spielt. "Auch aus dem Stadtbild sind die Obdachlosen heutzutage verschwunden."

Wirklich angefangen hat die Arbeit der Tagesstätte und Beratungsstelle der Caritas aber mit genau diesen Klienten, die heute verschwunden zu sein scheinen. "Es kamen gar keine Menschen zu uns, die eine Wohnung hatten. Wir haben uns damals darum gekümmert, dass sie ausreichend zu essen, Kleidung und Wäsche hatten. Sie konnten bei uns sitzen, sich ausruhen, essen und reden."

Sauber und satt war zwar die Devise, unter der der damalige Caritas-Geschäftsführers Josef Hartz die Tagesstätte eröffnete. "Aber wir wollten mehr", so Annette Frerick. "Es dauerte etwas, bis die Betroffenen kapiert hatten, dass man ihnen auch helfend und beratend zur Seite stehen kann." Aus der Tagesstätte als offenem Treffpunkt entwickelte sich so Stück für Stück die Beratungsstelle. "Und wir fingen an, Wohnraum zu vermitteln."

Frank BücherEbenfalls seit 25 Jahren mit dabei ist der Psychologe Frank Bücher. Gemeinsam mit Annette Frerick ist er Ansprechpartner für Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Antonia Gemein

Am Anfang sei dies unheimlich schwierig gewesen. "Als wir einige Male erfolgreich mit der Gladbecker Wohnungsbaugesellschaft zusammenarbeiten konnten, hat sich daraufhin eine gutes Netzwerk gebildet. Auch privat meldeten sich dann Vermieter bei uns", so Annette Frerick. Für ein Jahr tritt der Caritasverband als Vermieter gegenüber den Klienten auf. Zeit, in der die Probleme geregelt werden können und im Anschluss alles in ein normales Mietverhältnis überführt werden kann.

"Zu der Zeit war der Großteil unserer Klienten zwischen 25 und 40 Jahre alt. Einige konnten wir sogar in Arbeit vermitteln", erinnert sich die Leiterin der Wohnungslosenhilfe. "Dann folgte eine Zeit, in der unsere Klienten immer jünger wurden. Die Abtrennung zur Jugendhilfe wurde immer schwieriger, aber sie war dringend notwendig. Wer unter 25 Jahren ist, der findet den richtigen Ansprechpartner im Jugendamt."

Auch diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren wieder geändert. Ebenso wie das heutige äußere Erscheinungsbild der Klienten. Dreckige Klamotten, Kot an der Hose oder ähnliches gibt es kaum noch. "Unverändert ist allerdings die Rolle von Drogen und Alkohol im Leben unserer Klienten geblieben. Mittlerweile werden nur eben öfter Pillen konsumiert", so Annette Frerick. "Leider schaffen wir es in der heutigen Arbeitsmarktsituation nicht mehr, unsere Klienten zu vermitteln. Die Hilfsjobs sind nicht mehr gefragt und mangelnde Schulbildung wiegt heute schwerer als noch vor zwanzig Jahren. Es ist einfach nichts Passendes da."

Wenn man Annette Frerick und Frank Bücher nach einem Fazit fragt, dann sagen sie: "Alles ist komplexer geworden." Früher sei es allein um das Dach über dem Kopf gegangen, heute kümmern sie sich beratend um alles: GEZ, Strom, Kindergeld, Ärzte, Jobcenter etc. "Wir sind und bleiben für viele die letzte Anlaufstelle mit einem niederschwelligen Angebot. Das schätzen unsere Klienten und wir begleiten einige von ihnen jetzt seit vielen Jahren."

Zu den 25 Jahren ist derzeit in den Räumlichkeiten der Wohnungslosenhilfe eine Ausstellung mit 25 Geschichten zu sehen. Dazu gibt es ein begleitendes Buch, das zum Download bereit steht. Wir laden Sie herzlich ein, die Ausstellung zu besichtigen! Die Tagesstätte ist montags bis freitags zwischen 8 und 14 Uhr geöffnet.

Download

Buch_Ausstellung_25 Jahre Wohnungslosenhilfe

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