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Wohungslosigkeit

“Gutes Wohnen ist ein Menschenrecht”

Zimmer auf der Straße_6Die Talkrunde im Zimmer auf der Straße.Christoph Grätz

Eine eigene Wohnung - darunter verstehen viele Menschen eine sichere Rückzugsmöglichkeit mit Wohlfühl-Atmosphäre. Was für die meisten von uns selbstverständlich ist, wird für eine immer größere werdende Zahl an Menschen nahezu unerreichbar. Wohnungslosigkeit ist für Familien mit geringem Einkommen oder Alleinerziehende, Menschen ohne auskömmliche Arbeit, Geflüchtete und Suchtkranke eine bittere Realität. Darauf hat die Aktion "Zimmer auf der Straße" hingewiesen, mit der die Caritas im Bistum Essen in Zusammenarbeit mit dem Caritas-Ortsverband Gladbeck am heutigen Samstag auf das wachsende Problem aufmerksam gemacht hat.

So wurde mitten in der City - direkt vor dem Portal der Lambertikirche - ein Wohnzimmer mit Bücherschrank, zwei Tischen und einigen Sitzgelegenheiten aufgebaut, die die Kulisse für eine Talk-Runde waren. Anlass der Aktion ist die Caritas-Jahreskampagne "Jeder Mensch braucht ein Zuhause", mit der der Blick für die wachsenden Herausforderungen geschärft werden soll. "Derzeit fehlen in Deutschland rund eine Million Wohnungen, bezahlbare Wohnungen", sagte Sabine Depew, Direktorin des Caritasverbandes für das Bistum Essen, wobei der Mangel in der Ruhrregion besonders ausgeprägt sei. Dies bestätigte Annette Frerick, Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Caritas Gladbeck: "Auch wenn wir hier so gut wie keine Obdachlosen haben, so gibt es doch 164 Wohnungslose, also Menschen, die keine eigene Wohnung haben, sondern bei Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen untergekommen sind." Die Gründe dafür, keine Wohnung anmieten zu können, seien vielfältig: "Eine Trennung vom Partner, Räumungsklagen durch den Vermieter oder eine Haftentlassung können der Anlass dafür sein, dass Menschen plötzlich ohne Wohnung dastehen.

Politik will sozialen Wohnungsbau verstärkt fördern

Zimmer auf der Straße_4Rainer Weichelt, Sozialdezernent der Stadt Gladbeck.Christoph Grätz

Positiv aufgenommen wurden die Ergebnisse des gestrigen "Wohnungsgipfels" in Berlin, bei der der Bund zusätzliche Ausgaben von 5 Mrd. Euro angekündigt hat, die gemeinsam mit Mitteln von Ländern und Kommunen im Ergebnis zu 100.000 zusätzlichen Sozialwohnungen innerhalb der nächsten drei Jahre führen sollen. "Diesen öffentlich geförderten Wohnraum brauchen wir dringend", sagte Rainer Weichelt, Gladbecker Sozialdezernent, "denn auch in unserer Stadt wird die Lage - die augenblicklich im Vergleich zu den größeren Ruhegebietskommunen noch relativ gut ist - nicht so entspannt bleiben, wenn nicht schnell gehandelt wird."

Zimmer auf der Straße_3Martin Plischek, Aufsichtsratsvorsitzender der GWG.Christoph Grätz

Dies bestätigte Martin Plischek, Aufsichtsratsvorsitzender der Gladbecker Wohnungsbau Gesellschaft und Leiter des Amts für Immobilienwirtschaft der Stadt Gladbeck: "Wir möchten gerne weitere Wohnungen bauen und unseren Beitrag für einen gesunden Wohnungsmix in unserer Stadt leisten."

Neue Wohnkonzepte
Einigkeit bei allen Rednern herrschte darüber, dass neue Wohnkonzepte entwickelt werden müssen, die eine möglichst integrierende Wirkung entfalten. Sabine Depew: "Wir favorisieren dazu sogenannten Campus-Lösungen, bei denen Jung und Alt, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in überschaubaren Einheiten zusammenleben."

Dass auch die Kirche ihren Beitrag dazu leisten muss, bestätigt André Müller, Probst und Caritasdirektor von Gladbeck, denn: "Gutes Wohnen ist ein Menschenrecht!”  Erfreulicherweise kann Müller bereits erste Maßnahmen vorweisen. So wird das Suitbert-Haus - eine Einrichtung für rund 100 Menschen mit Behinderung - dezentralisiert: "Wir schaffen derzeit eine Reihe von Wohngemeinschaften, in denen die Menschen dann unter besseren Bedingungen leben werden."

Auch kirchliches Engagement ist gefordert
Doch auch für die Zukunft kündigt Müller weitere Initiativen an: "Im Perspektiventwicklungsprozess des Bistums haben wir entschieden, dass wir uns von einigen Gebäuden trennen werden. Zahlreiche Investoren haben inzwischen bei uns angefragt und wollen Flächen und Gebäude in Wohnraum umwandeln. Das ist sicher sinnvoll, wir werden aber darauf achten, dass nicht einfach derjenige zum Zuge kommt, der das meiste Geld dafür bietet: Stattdessen werden wir darauf achten, dass ein gesunder Mix entsteht, der für das Gemeinwohl förderlich ist!" Diesen Ansatz unterstützt auch Caritas-Direktorin Depew: "In dem ein oder anderen Fall werden wir auch selbst als Käufer fungieren und unsere Ideen gestalten. Da wir aber nicht alle Gebäude selbst kaufen können, werden wir interessante Kooperationen schließen, die fantasievolle Projekte erwarten lassen."

Überbordender Verwaltungsaufwand
Bei allem guten Willen zu neuen Lösungen beklagten die Teilnehmer der Talkrunde aber auch Hemmnisse, die ein schnelles Handeln erschweren: "Die bürokratischen Hürden sind in den letzten Jahren stetig gewachsen", beklagten Müller und Plischek unisono. "Bis ein Bebauungsplan genehmigt ist, vergeht viel zu viel Zeit: Je nach Komplexität können dabei gut und gerne 4-5 Jahre ins Land gehen. Und das ist viel zu lange, denn wir brauchen diesen neuen und bezahlbaren Wohnraum jetzt!"

Generalvikar Pfeffer: Spaltung in Arm und Reich überwinden

Zimmer auf der Straße_7Generalvikar Klaus Pfeffer in der Heiligen Messe zum Caritas-Sonntag.Christoph Grätz

In seiner Predigt zum Caritas-Sonntag, bei dem die Gläubigen mit ihren Spenden die vielfältige Arbeit der Caritas unterstützen, griff der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer das Thema der Obdachlosigkeit auf: "Wir sehen die Obdachlosen zwar täglich in unseren Städten. Ich auch. Aber meist gehe ich an ihnen vorüber, weil ich keine Zeit habe, weil sie mich verunsichern und ratlos machen. Dabei zeigen sie mir und uns allen, was in dieser Gesellschaft im Argen liegt, was es an Spaltung von Reich und Arm gibt, von welchen Schicksalen Menschen unter uns getroffen werden können. Das darf uns Christen nicht egal sein. Wir müssen hinsehen und uns mit unseren Möglichkeiten einsetzen, damit in unserer Gesellschaft diese Spaltung in Reich und Arm überwunden wird."

Ausstellung zu Wohnungslosigkeit
Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Gladbecker Caritas-Tagesstätte für Wohnungslose ist eine Ausstellung mit 25 Geschichten aus 25 Jahren entstanden, die anhand konkreter Beispiele eindrucksvoll davon erzählt, warum Menschen ihre Wohnungen verlieren - und wie schnell das gehen kann. Die Ausstellung wird noch bis zu Ende September im Foyer des Neuen Rathauses in Gladbeck zu sehen sein und kann dort zu den Öffnungszeiten besichtigt werden.

Die Veranstaltung in der Gladbecker Innenstadt war eine Aktion zum Jahresthema der Caritas "Jeder Mensch braucht ein Zuhause". Anlass ist der Caritas-Sonntag, der am 23. September begangen wurde. Gläubige sind an diesem Tag aufgerufen mit ihrer Spende für die Kollekte, die Caritas zu unterstützen.
(Text: Hubert Röser)

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