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Baby-Kleinkind

Wenn das Schreien nicht aufhört

Schreiendes Baby in den Händen der MutterFirma V - Fotolia

Lilli* schreit. Oft, lange, herzzerreißend. Sie zappelt, windet sich, wird rot, ist übermüdet und schreit weiter. Lilli ist vier Wochen alt. Ihre Eltern sind erschöpft, verzweifelt, hilflos. So hatten sie sich den Start ins Familienleben nicht vorgestellt. Der Kinderarzt sagt: "Es ist alles in Ordnung. Lilli ist kerngesund." Mamas Freundinnen sagen: "Das können nur die Drei-Monats-Koliken sein. Da musst du einfach durch. Obwohl - haben die nicht eigentlich nur Jungen so extrem? Da stimmt doch etwas nicht." Und die frisch gebackene Mutter bekommt immer mehr Angst. Vor allem vor dem Versagen. Wieso schafft sie es nicht, ihr Kind zu beruhigen? Wieso berichten alle anderen Mütter aus dem Geburtsvorbereitungskurs, wie gut Felix, Alexander und Lara schlafen? Wieso findet Lilli einfach nicht in den Schlaf?

"Schreien ist zunächst eine ganz natürliche Ausdrucksweise eines Babys. Sie sichert sein Überleben", sagt Dorothea Murrenhoff. Sie ist Beraterin in der Baby-Kleinkind-Sprechstunde des Caritasverbandes. "Anhand der Art des Schreiens erkennen die Eltern das dahinterstehende, zu befriedigende Bedürfnis, beispielsweise bei Hunger, Müdigkeit oder nassen Windeln." Jedes Kind schreie während seiner ersten drei Lebensmonate etwa bis zu zwei Stunden täglich.

Und dann gibt es eben Kinder wie Lilli. "Sie zeigen eine exzessive Form des Schreiens. Es ist scheinbar grundlos und unstillbar. Ein Bedürfnis dahinter ist jedenfalls zunächst nicht zu erkennen", so Dorothea Murrenhoff. "Auch die Art des Schreiens ist emotional sehr intensiv und nimmt an Intensität zu." Es gelinge der Mutter oftmals nicht, mit den üblichen Strategien ihr Kind zu beruhigen. "Was dann folgt, sind häufig Übermüdung und Überreizung auf allen Seiten", weiß die Beraterin. "Und die Kategorisierung ‚Schreikind‘. Dahinter verbirgt sich folgende Formel: Ein sonst gesundes Kind schreit drei Stunden täglich an drei Tagen in der Woche über einen Zeitraum von drei Wochen."

"Lilli und ich haben so viel probiert. Medizinisch gesehen ist alles abgeklärt, wir haben jeden Tipp der Hebamme umgesetzt, jeden noch so gut gemeinten Ratschlag von Oma und Freundinnen getestet. Pucken, Kirschkernkissen, Tropfen für den Bauch, Baby-Gymnastik. Es funktioniert nichts. Und ich stehe nur noch vor ihr und frage mich: Was mache ich falsch? Warum schaffe ich es nicht, zu erkennen, was meiner Tochter fehlt?" Nach weiteren drei Wochen ist Lillis Mutter Kathrin völlig aufgelöst, während die Schreiphasen gefühlt immer länger werden. Eine Freundin erzählt ihr von der Baby-Kleinkind-Sprechstunde der Caritas.

"Ich habe mich schon gefragt, gehe ich da noch hin? Lilli und ich sind doch ohnehin ein hoffnungsloser Fall. Aber bald wurde mir klar, ich muss. Denn ich hatte schon begonnen, mich mit Lilli im Haus zu verstecken, weil es mir peinlich wurde, ständig nur mit einem schreienden Kind unterwegs zu sein", erzählt Kathrin. Auch an Mutter-Kind-Gruppen oder Rückbildungsgymnastik mit Kind war nicht zu denken. Lilli sprengte mit ihrem Geschrei jede Stunde. "Alle guckten mich nur an und ich hatte das Gefühl, die Blicke wurden immer vorwurfsvoller. Als ich dann anfing, Freundinnen anzulügen, weil ich Treffen vermeiden wollte, wusste ich, du musst es nochmal probieren. Also machte ich einen Termin aus."

"Wir schauen uns die Situation ganz individuell an. Denn die eine Lösung gibt es nicht", beschreibt Dorothea Murrenhoff. "Gemeinsam mit den Eltern suchen wir nach Erklärungen und im Anschluss nach Lösungen, bei Bedarf und mit ihrem Einverständnis auch videogestützt." Ursachen für exzessives Schreien können Reizüberflutungen, Probleme mit der Selbstregulation oder auch Fehlstellungen der Halswirbelsäule sein. "Aber es gibt nicht die eine Ursache und die eine Lösung. Bei manchen Kindern hilft Osteopathie, bei anderen streng strukturierte Tagesabläufe, die nicht variieren dürfen, bei wieder anderen gezielt eingesetzte Formen von Kontaktaufnahme", berichtet Dorothea Murrenhoff. "Genauso individuell ist der Grad der Belastung der Eltern zu sehen. Auch wenn das Kind sich sozusagen nicht klassisch an die Formel für die Kategorie Schreikind hält, so können wir nur ermuntern, sich frühzeitig Rat zu suchen, sobald man sich belastet fühlt."

"Wir haben festgestellt, dass Lilli sehr viel Köperwärme benötigt. Außerdem muss ich darauf achten, dass sie wirklich alle anderthalb Stunden in den Schlaf findet, auch wenn der nur kurz ist. Dafür muss die Umgebung so reizarm wie möglich sein", berichtet Mama Kathrin. "Die Schreiphasen sind seitdem kürzer geworden. Krabbelkurse und Rückbildungsgymnastik mit Kind sind zwar in weiter Ferne, aber ich weiß nun, dass das momentan nichts für Lilli ist, sondern sie nur überfordert. Das hilft mir, entspannter mit der Situation umzugehen." "Entspannung bei den Eltern überträgt sich automatisch auf das Kind", ergänzt Dorothea Murrenhoff. "Neben der Arbeit an der Eltern-Kind-Beziehung bieten wir hier auch Raum, die innere Anspannung, die Schuld- und Versagensgefühle ohne Druck anzusprechen. Das befreit ebenso wie die Erkenntnis, nicht alleine dazustehen." 

Lilli ist mittlerweile ein halbes Jahr alt. "Sie ist so ein fröhliches Kind geworden", berichtet Mama Kathrin. "Sie ist aufgeweckt, neugierig und strahlt jeden an. Ich achte nach wie vor darauf, dass sie genügend Ruhephasen bekommt und nicht zu vielen Reizen auf einmal ausgesetzt ist, denn sie will immer mehr entdecken, als sie eigentlich verstehen kann. Dann sind wir ein wunderbares Team."

*Namen sind zum Schutz der Betroffenen geändert

Info:
Ansprechpartnerin beim Caritasverband Gladbeck ist Dorothea Murrenhoff:
Telefon: +49 2043 2949 -35 oder dorothea.murrenhoff@caritas-gladbeck.de

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