Menschen mit Behinderung

St.-Suitbert-Haus

Wenn das Vergessen zum Alltag wird

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Thomas braucht nach dem Mittagessen seine Ruhe. "Es ist oft sehr laut. Es sind viele Menschen um mich herum. Dann will ich mich einfach mal ausruhen. Das verstehen viele aber nicht und das nervt mich dann." Die Heilpädagogin Luisa Borgmann hält das in seinem Fortbildungsheft fest. Sie ist zuständig für das dreijährige Modellprojekt "Demenz verstehen" der Fachstelle Demenz des Caritasverbands Gelsenkirchen. Derzeit bietet sie im St.-Suitbert-Haus einen wöchentlichen Bildungskurs mit dem Titel "Älter-werden ist nichts für Feiglinge" für Menschen mit Behinderung an. Dabei wird rund um das Themenfeld Biografiearbeit, Älter-werden und Demenz informiert und sensibilisiert.

"Es besteht ein hohes Interesse", so Luisa Borgmann. "Viele Menschen mit Behinderung sind im familiären Kontext schon mit Demenz in Berührung gekommen, haben offene Fragen und möchten verstehen, was passiert." Zudem nehme die Häufigkeit der Erkrankung durch die älter werdende Gesellschaft zu. "Ziel unseres Projektes ist es, Kompetenz im Umgang mit Demenz aufzubauen, der Hilflosigkeit entgegen zu wirken und Verständnis für die auftretenden Situationen zu erzeugen."

Daher konzeptionierte Luisa Borgmann einen Fortbildungskurs für Menschen mit Behinderung. In 16 Einheiten à zwei Stunden nähern sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmern dem Krankheitsbild an und erfahren dabei eine ganze Menge über sich selbst. "Die Fortbildung teilt sich in drei Blöcke. Im ersten geht es um Biographiearbeit. Jeder kann sich so mit sich, seinem Körper, seinen Gefühlen und seinem Lebensweg auseinandersetzen", sagt Luisa Borgmann. Die Ergebnisse werden in Bild- und Textform im persönlichen Kursheft festgehalten. "Gefühle zu benennen und zu differenzieren ist nicht leicht. Halte ich aber fest, was mich zum Beispiel wütend, traurig oder glücklich macht und wie mein Gesichtsausdruck sich jeweils dabei verändert, dann kann ich im Fall der Fälle darauf zurückgreifen. Sowohl der Betroffene als auch der Betreuer können auf dieses Material Bezug nehmen und es in die Tagesgestaltung einbeziehen."

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Im zweiten Block geht es um das Thema Älter werden. "Wir beschäftigen uns mit der Rente, Wünschen für die Zukunft, dem älter werdenden Körper, Gesundheit, Krankheit, Tod und Sterben", so Luisa Borgmann. Der dritte Block nimmt schließlich die Krankheit selbst in den Blick. "Wir setzen uns mit den Aufgaben des Gehirns auseinander, mit Gedächtnis und Erinnerung, mit den Auswirkungen einer Demenz im Alltag und Möglichkeiten, Betroffene zu unterstützen."

Im St.-Suitbert-Haus nehmen derzeit fünf Menschen mit Behinderung an der Fortbildung teil. "Das ist gar nicht so einfach", sagt Thomas. "Ich erfahre viele Dinge über mich, die ich gar nicht gewusst habe. Das irritiert erst. Aber wenn es dann da ist, versucht man zu lernen, damit umzugehen." Auch Jutta ist eine Teilnehmerin. "Ich habe eigentlich nur gute Sachen über mich herausgefunden", sagt sie. "Ich glaube, Jutta kann wirklich nie böse werden", ergänzt Luisa Borgmann lächelnd. Gemeinsam mit der Lernassistentin Felicitas Grundmann führt sie die Einheiten durch. "Wir passen uns dabei an die Bedürfnisse an, verändern Abläufe, variieren Aufgaben, geben Raum für Gespräche und sorgen für Pausen, wenn die Konzentration nachlässt."

Das Modellprojekt der Fachstelle Demenz wird in Zusammenarbeit mit sechs Einrichtungen der Behindertenhilfe im Bistum Essen durchgeführt und vom Innovationsfond gefördert. Das St.-Suitbert-Haus ist einer der Kooperationspartner. Im Projektverlauf werden ältere Menschen mit geistiger Behinderung und die Mitarbeiter der Kooperationspartner informiert und sensibilisiert. "Wir möchten die Menschen mit Behinderung und die Betreuer befähigen, die Kursinhalte und Ergebnisse in die Tagesstruktur zu übernehmen und einfach sicherer im Umgang mit der Krankheit zu werden." Speziell für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werde es zudem noch Fortbildungen in den Bereichen Gerontologie, Biographiearbeit und Diagnostik geben. Der Projektzeitraum ist bis Ende 2019 festgelegt.

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